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Unternehmen müssen frühzeitig reagieren

07. Januar 2011


Um dem demographischen Wandel zu begegnen, muss die regionale Wirtschaft mehr ausbilden und die Region sich öffnen, so Prof. Dr. Reinhold Sackmann, Soziologe an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, im Interview mit der Wirtschaftsinitiative.

Vor 20 Jahren war der demographische Wandel nur ein Randthema der Wiedervereinigung. Heute gehört der Umgang mit ihm zu den zentralen Zukunftsaufgaben. Wie stellt sich die Situation aus Ihrer Sicht dar?
Um Übertreibungen zu vermeiden, ist es gut, sich die Fakten anzusehen. Demographische Entwicklungen werden nur durch drei Faktoren bestimmt: Geburtenrate, Sterblichkeit und Wanderungsbewegungen. Nachdem unmittelbar nach der Wende die Geburtenrate in der Region dramatisch auf 0,8 Kinder pro Frau abgesunken ist, fand seit Mitte der 1990er Jahre ein Angleichungsprozess an das westdeutsche Niveau von 1,4 Kindern statt. Dieser Bevölkerungsrückgang wird durch eine sinkende Sterblichkeit und die erfreuliche Verlängerung der Lebenserwartung um durchschnittlich fünf Jahre in den vergangenen 20 Jahren nicht ausgeglichen. Beide Prozesse verursachen eine Alterung der Bevölkerung.
Die Wanderungen waren dagegen wechselhafter: Großen Abwanderungswellen zu Beginn der beiden Jahrzehnte standen fast ausgeglichene Wanderungsbilanzen in der Mitte der 1990er gegenüber, denen wir uns derzeit wieder annähern. In der Summe wird die Bevölkerung Mitteldeutschlands in den nächsten 20 Jahren allerdings weiter schrumpfen und altern.

Welche möglichen Lösungswege sehen Sie dagegen?
Weltweit gilt es als äußerst schwierig, demographische Prozesse direkt und kurzfristig zu beeinflussen. Sinnvoller erscheint es deshalb, frühzeitig Vorsorge zu treffen, damit mögliche negative Folgen der demographischen Entwicklung gemindert werden können. Im Vordergrund stehen aus meiner Sicht dabei drei Themen: Der sich abzeichnende Fachkräftemangel, die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und die internationale Öffnung der Region.

Wie können regionale Unternehmen auf den Fachkräftemangel reagieren?  
Ganz klar: In dem sie im kommenden Jahrzehnt mehr ausbilden bzw. Ausbildungsverbünden und Fachkräftepools beitreten. Gerade kleinere Unternehmen können von solchen Kooperationen stark profitieren. Denn bereits seit zwei Jahren ist mit dem Eintritt der äußerst geburtenschwachen Jahrgänge 1990 bis 1994 die Zahl der Bewerber für Ausbildungsplätze rapide gesunken. Das Zentrum für Sozialforschung Halle (zsh) hat schon vor mehreren Jahren in Analysen gezeigt, dass aus der Kombination von veränderter demographischer Lage und betrieblichen Altersstrukturen in vielen Unternehmen und Branchen ein Mangel an Fachkräften entsteht. Das gilt längst nicht nur für die klassischen Ausbildungsberufe.

Inwiefern?
Die Veränderungen, die derzeit am Ausbildungsmarkt bereits greifbar sind, werden in wenigen Jahren auch den tertiären Bildungsbereich erfassen. Das heißt, auch akademische Fach- und Führungskräfte werden in der Region knapper werden. Eine verstärkte Beteiligung von Unternehmen an Qualifizierungsmaßnahmen wird also auch in diesem Bereich immer lohnender. Die Strukturen kooperierender Betriebe, die sich rund um Berufsakademien in Sachsen entwickelt haben, könnten hier zum Vorbild in den anderen mitteldeutschen Bundesländern werden. Grundsätzlich wird in den stark wissensbasierten Wirtschaftszweigen der Region der enge Kontakt von Unternehmen zu den Universitäten und Fachhochschulen immer wichtiger werden.

Angesichts der steigenden Lebenserwartung wird seit geraumer Zeit über die Verlängerung der Lebensarbeitszeit diskutiert, auch über die Rente mit 67 hinaus…
In dieser Diskussion findet ein regionaler Aspekt der Lebensarbeitszeitverlängerung bislang viel zu wenig öffentliche Beachtung. Seit 1996 ist das durchschnittliche Renteneintrittsalter bereits um circa zwei Jahre gestiegen. Eine wichtige Ursache für diese Entwicklung sind dauerhafte Abschlagszahlungen für Menschen, die vor dem gesetzlichen Rentenalter in den Ruhestand gehen. Derzeit fallen bei neuen Rentnern in Mitteldeutschland durchschnittlich rund 100 Euro Rentenkürzungen aufgrund dieser Abschläge an. Dadurch gehen nach Schätzungen in Mitteldeutschland pro Renteneintrittsjahrgang rund 969 Millionen Euro verloren. Für die Kaufkraft in der Region wäre es also äußerst hilfreich, wenn in einer gemeinsamen Anstrengung von Ländern, Kommunen und lokaler Wirtschaft die Lebensarbeitszeit durch mehr Jobangebote für ältere Arbeitnehmer auch in der Praxis verlängert werden könnte.

Welche Rolle spielt die Kultur einer Region im Umgang mit dem demographischen Wandel?  
Eine Region mit einer eher kleineren Bevölkerungszahl wie Mitteldeutschland ist auf gesellschaftliche Offenheit angewiesen. Sie fördert beispielsweise den Tourismus sowie den internationalen Austausch von Gütern und Arbeitskräften über Grenzen hinweg. Zu diesen wirtschaftlichen Effekten kommen auch symbolische: Kulturelle Öffnung und Dynamik erhöhen die Anpassungskapazitäten, während rigides Festhalten an Überkommenem diese reduziert. Dass sich geringere Bevölkerungszahl und Weltoffenheit nicht ausschließen, zeigt das Beispiel des klassischen Weimar: 8.000 Bewohner leisteten einen wichtigen Beitrag zu einer offenen Kultur, deren Resultate weltweit bekannt wurden.

Weitere Informationen:
Studie Fachkräftemangel in Ostdeutschland
Absolventenmesse Mitteldeutschland
Nachricht: Know-How-Transfer über Führungskräfte
Nachricht: Praktikumsoffensive für MINT-Berufe

Experten mit der Wirtschaftsinitiative im Gespräch:

Prof. Dr. Thomas Lenk: „Keine Förderung nach der Himmelsrichtung"
Michael Pfeiffer: „Anziehungspunkt für internationale Investoren"
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Dr. Joachim Ragnitz: "Es gibt viele Gründe, optimistisch zu sein"


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Andreas Stemmler, TÜV SÜD
„Die Metropolregion Mitteldeutschland ist wichtig, weil Zukunft nur gemeinsam funktioniert.”