„Wir treffen unsere Entscheidungen in Leipzig“
Klaus-Ewald Holst sieht Mitteldeutschland als „sicheren und attraktiven Produktionsstandort“ in Europa gut aufgestellt. Der Chef des Leipziger Gaslieferanten VNG engagiert sich in der Wirtschaftsinitiative für eine stärkere Vernetzung und Profilierung des Standorts.
Herr Prof. Holst, was sind aus Ihrer Sicht die aktuellen Herausforderungen für die Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Mitteldeutschland?
Erstens: Eine der größten Herausforderungen ist der demographische Wandel. Wir müssen die jungen Leute hier halten, was auch zunehmend gelingt, weil es leichter wird, eine Lehrstelle zu finden. Unsere Städte und unsere Unternehmen müssen sich anstrengen, attraktiv zu sein.
Dazu gehört zweitens beste Qualität in Forschung und Bildung. Mitteldeutschland verfügt über erstklassige Fachhochschulen und Hochschulen, die sich weiter an der europäischen Spitze etablieren müssen. Nur ein gut ausgebildeter und heimatverbundener Absolvent wagt auch den Schritt in die Selbstständigkeit. Und nur dort, wo gut ausgebildete und engagierte Fachkräfte leben, werden die Arbeitsplätze der Zukunft entstehen.
Drittens brauchen wir eine höhere Unternehmensdichte. Das fördert Wettbewerb und Innovation. Die Bemühungen um die Ansiedlung von neuen Unternehmen und die Pflege der vorhandenen dürfen nicht erlahmen. Zum Beispiel war DHL als Neuansiedlung ein Glücksfall für ganz Mitteldeutschland. Aber wir müssen auch darauf achten, dass bei unseren vorhandenen Unternehmen kleine zu mittleren und mittlere zu großen werden können. Solche hier verankerten Kompetenzzentren mit eigener Entscheidungsgewalt sind das Rückgrat des Wohlstands in einer Region.
Wie läuft die Entwicklung für Ihr Unternehmen in der Region, was sind Ihre nächsten Ziele?
Wir haben 2007 einen neuen Absatzrekord erreicht - trotz der vielen neu in den Markt drängenden Anbieter. Dies zeigt: Die VNG ist im Wettbewerb erfolgreich. Mit neuen Absatzmärkten und Geschäftsfeldern sowie der weiteren Diversifizierung bei der Gasbeschaffung ist die VNG weiter auf Wachstumskurs und sichert ihren Kunden eine langfristige und marktgerechte Versorgung mit Erdgas. Das ist in Zeiten turbulenter Märkte in der internationalen Beschaffung des Rohstoffes Erdgas zunehmend wichtiger.
Die VNG ist – das sage ich durchaus mit Stolz – ein Unternehmen, wie man sich noch viele mehr in Ostdeutschland wünschen würde. Unsere Mitarbeiter schaffen für die Kunden in der Region Versorgungssicherheit, achten auf bezahlbare Preise und auf Umweltverträglichkeit. Unsere Nähe zu den Menschen hier resultiert daraus, dass wir ein eigenständiges, ostdeutsches Unternehmen sind. Wir treffen unsere Entscheidungen in Leipzig.
Als starker deutscher Wettbewerber entwickeln wir uns weiter, steigern unseren Unternehmenswert durch zusätzliche Förderlizenzen in Norwegen, Ausweiten des Dienstleistungsgeschäfts und Erschließen neuer Geschäftsfelder. Unsere Aktivitäten in Italien, Polen und Tschechien wollen wir weiter ausbauen. Natürlich setzen wir auch unser bisheriges Engagement für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz intensiv fort – hier leisten wir schon seit Jahren einen wichtigen Beitrag für den Umwelt- und Klimaschutz.
Welche Chancen sehen Sie in den Aktivitäten der Wirtschaftsinitiative für die Region?
Der Wirtschaftsstandort Mitteldeutschland hat dank der geographischen Lage im Zentrum Europas und der länderübergreifenden Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung die einmalige Chance, auch im europäi-schen Vergleich als sicherer und attraktiver Produktionsstandort gut zu bestehen. Vernetzung von Unternehmen, Hochschulen und Interessenverbänden der wichtigsten Branchen sind heutzutage unverzichtbar für den Erfolg einer Region im internationalen Wettbewerb. Durch eine weitere Schärfung des Standortprofils können Netzwerke gezielt ausgebaut werden und tragen so zu mehr Innovation, Wertschöpfung und letztlich zur Schaffung von Arbeitsplätzen bei. Dafür ist ein „Hand in Hand gehen“ von Wirtschaft und Behörden die beste Voraussetzung.
Bitte vervollständigen Sie: Wenn ich König von Mitteldeutschland wäre, …
Würde ich die demokratische Staatsform einführen. Glücklicherweise haben sich die Menschen diese aber bereits 1989 in Mitteldeutschland erkämpft. Für einen König gäbe es also gar nichts mehr zu tun.
Foto: Hauptsitz der Verbundnetz Gas AG in Leipzig
Was kann man im Sommer am besten in Mitteldeutschland unternehmen?
Eine halbwegs vollständige Antwort würde dieses Interview sprengen. Mitteldeutschland bietet zu jeder Jahreszeit unzählige Möglichkeiten für Unternehmungen und verfügt zudem über einzigartige kulturelle Schätze. Deswegen ist das Wort der „Kulturregion Mitteldeutschland“ durchaus angebracht. Wenn ich eines hervorheben soll, dann bieten sich den Wasserwanderern und -sportlern in dieser Jahreszeit viele herrliche Möglichkeiten, Mitteldeutschland zu erleben. Ich habe übrigens in diesem Jahr einen Teil meines Urlaubs im Saale-Unstrut-Tal verlebt. Diese Region bietet einfach alles, was man zum Wohlfühlen braucht.
Herr Prof. Holst, vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person:
Prof. e.h. Dr.- Ing. Klaus-Ewald Holst ist seit 1990 der Vorstandsvorsitzende der Verbundnetz Gas AG. Seine Laufbahn bei dem Unternehmen begann nach der Beendigung seines Ingenieursstudiums an der Bergakademie in Freiberg im Jahre 1967. In Freiberg legte der Ingenieur 1977 seine Promotionsprüfung ab. Seit 1995 ist Holst Ehrensenator der TU Bergakademie Freiberg. Bereits ab 1968 hatte Holst verschiedene Funktionen im VEB Verbundnetz Gas inne, bevor er 1990 zum Vorstandsvorsitzenden der VNG - Verbundnetz Gas AG aufstieg. Im Jahr 1996 wurde der gebürtige Neustrelitzer mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Neben der Ernennung zum Königlich Norwegischen Konsul für den Freistaat Sachsen und Honorargeneralkonsul für den Freistaat Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt hat der VNG-Vositzende diverse Mandate, Ehrenmandate und Mitgliedschaften inne. Auf die Verleihung des Königlich Norwegischen Verdienstordens sowie die Verleihung des Verdienstordens des Freistaates Sachsen folgte 2004 die Auszeichnung mit dem Offizierskreuz des Verdienstordens der Republik Polen. Im Jahr 2007 wurde Holst durch den Freistaat Sachsen zum Professor ehrenhalber ernannt.
Weitere Informationen:
Verbundnet Gas AG
Sommerinterview mit: Jens Berger, PwC
Sommerinterview mit: Dr. Thomas Hofmann, IHK zu Leipzig
Sommerinterview mit: Andreas Otter, Deloitte
Sommerinterview mit: Dr. Hans-Joachim Raubach, Bayer Bitterfeld


