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Die Hochschulen müssen umdenken

19. November 2010


Die Hochschulen sind ein wichtiges Aushängeschild Mitteldeutschlands. Trotzdem müssen sie sich noch stärker legitimieren, so Peer Pasternack, Direktor des Instituts für Hochschulforschung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

2010 war die Zeit der großen Rückblicke und Festakte. 20 Jahre danach wurde der Ereignisse des Jahres 1990 gedacht, welche die jüngste deutsche und europäische Geschichte entscheidend prägten: Die Währungsunion, die Gründung der neuen Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und die Konstituierung der ersten frei gewählten Landtage sowie die deutsche Wiedervereinigung. Zum Ende des Jubiläumsjahres 2010 befragen wir Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft zu Ihrem Fazit aus 20 Jahren Aufbau Ost und welche Potenziale und Herausforderungen sie im Hinblick auf die weitere Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Mitteldeutschland sehen. Nach dem Interview vergangene Woche mit Joachim Ragnitz, stellvertretender Geschäftsführer der Dresdener Niederlassung des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, sprechen wir nun mit Peer Pasternack, Direktor des Instituts für Hochschulforschung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Nach 1990 wurde die Hochschullandschaft in Mitteldeutschland komplett neu geordnet. Wie fällt die Bilanz dieses Prozesses aus Ihrer Sicht aus?
Die Zahlen sind durchaus beeindruckend: Die drei mitteldeutschen Länder unterhalten elf Universitäten. Sachsen-Anhalt und Sachsen verfügen außerdem über je zwei Hochschulmedizin-Standorte, Thüringen über einen. Hinzu kommen zwölf Fachhochschulen und sieben künstlerische Hochschulen. Zwei Länder haben zudem jeweils eine Berufsakademie, Thüringen mit zwei, Sachsen mit sieben Standorten. Daneben existieren sechs konfessionelle und fünf private Hochschulen. Insgesamt summieren sich die Einrichtungen auf 48 Hochschulen, an denen rund 210.000 Studierende immatrikuliert sind. Während in westdeutschen Flächenländern 5,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Hochschulen ausgegeben werden, sind dies in Mitteldeutschland zwischen 7,5 und 9,5 Prozent. Alle drei Länder haben darüber hinaus in jüngster Zeit zusätzliche Mittel für landeseigene Exzellenz-Initiativen mobilisiert.

Welche positiven Auswirkungen hat diese öffentliche Wissenschaftslandschaft auf den Standort?
Die Hochschulen leisten einen großen Beitrag zur Stärkung der Innovationsstrukturen der regiona-len Wirtschaft. Dazu gehört auch eine wichtige Rolle bei der Schließung der sich anbahnenden Fachkräftelücke im Hochqualifikationsbereich. Beides ist eine wichtige Vorrausetzung, um die Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität der gesamten Wirtschaftsregion Mitteldeutschland auszubauen. Daneben ist es nicht zuletzt eine Aufgabe der Hochschulen, die gesellschaftlichen, sozialen und politischen Entwicklungen in der Region mit ihrer wissenschaftlichen Expertise zu be-gleiten.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Hochschulen der Region?
Der demographische Wandel und das Auslaufen ostspezifischer Finanztransfers und Förderpro-gramme machen einen neuen Transformationsprozess der öffentlichen Wissenschaftslandschaft notwendig. Eine der größten Herausforderungen wird sein, auch in Zukunft eine hohe Studienplatzauslastung zu organisieren, obwohl die Studienanfängerjahrgänge in den nächsten Jahren um bis zu 40 Prozent einbrechen werden. Angesicht der bis zum Jahr 2020 zu erwartenden Realminderungen der mitteldeutschen Landeshaushalte um 20 bis 30 Prozent werden dauerhaft unterausgelastete Hochschulen keinen umstandslosen Bestandsschutz mehr genießen. Um dem zu begegnen, bedarf es auch eines Umdenkens an den Hochschulen.

Inwiefern?
Der Teil der Hochschulressourcen, der in Folge künftiger Unterauslastungen reduziert zu werden droht, muss durch zusätzliche, regional wirksame Anstrengungen legitimiert werden. Die Hochschulen müssen zu Entwicklungen beitragen, von denen positive Effekte auf die Landesfi-nanzen erwartet werden können. Nur so werden angesichts der Haushaltslagen auch hochschulferne Politiker weiter von ihrer Existenzberechtigung und ihren Ausstattungsbedürfnissen überzeugt werden können.

Was heißt das konkret?
Vor den Hochschulen steht die Aufgabe, die politische Aufmerksamkeit, die sie in Mitteldeutschland genießen, durch entsprechende institutionelle Strategien zu erhalten und zu stärken. Zum Beispiel, in dem sie ihre jeweilige Region verstärkt an die überregionalen Kontaktschleifen des Wissens anschließen und so gleichermaßen ökonomische wie gesellschaftliche Innovationseffekte vor Ort erzeugen.

Experten mit der Wirtschaftsinitiative im Gespräch:
Dr. Joachim Ragnitz: "Es gibt viele Gründe, optimistisch zu sein"

Weitere Informationen:
Absolventenmesse Mitteldeutschland
Nachricht: Auftakt zur Absolventenmesse

Weitere Downloads:
IWH-Studie: „20 Jahre nach dem Mauerfall – Transformation und Erneuerung des ostdeutschen Innovationssystems“
„mitte l punkt „Innovation“


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Lars Schulte, BOSCH
„Wir engagieren uns hier, weil wir einer starken Region ein starkes Profil geben wollen.”