Metropolregion Mitteldeutschland-Alte Synagoge und Mikwe in Erfurt

Alte Synagoge Erfurt © Albrecht v. Kirchbach

  • Hintergrund

    „Mein Schatz!“ Anno 1349 wird Kalman von Wiehe von Angst getrieben. Im Keller vergräbt der jüdische Kaufmann vorsorglich Münzen, Barren und Schmuck, weil er ein Pogrom befürchtet. Von Wiehe überlebt wie rund 900 Gemeindemitglieder den 21. März in Erfurt nicht. Die Pest tobt und die Bürgerschaft gibt den Juden die Schuld. Jahrhunderte später taucht der Schatz wieder auf, zeitgleich mit anderen Spuren jüdischen Lebens, das damals aus der Stadt verschwand. Zwar kommt es wenige Jahre später erneut zu einer Ansiedlung von Juden in Erfurt, diese endete jedoch 1453 erneut durch die Aufhebung des "Judenschutzes" durch den städtischen Rat und bedeutete das endgültige Aus für die jüdische Gemeinde.

    Diese mittelalterliche Episode bringen heute rekonstruierte Gebäude und Sachzeugnisse wieder in Erinnerung. Auf dichtem Raum berichten die Artefakte von der damals bedeutenden jüdischen Gemeinde und ihrem Untergang. Kalman von Wiehes Schatz ist Teil dieser erstaunlichen, eine kurze Blütezeit dokumentierenden Materialfülle.

  • Vordergrund

    Am Eingang zur schönsten Erfurter Gasse, der schmalen von Speicherhäusern eingefassten Waagegasse, finden Sie die Alte Synagoge. Nach dem Pogrom geriet ihr eigentlicher Zweck in Vergessenheit. Von anderen Bauten verborgen, überdauerte das Relikt auch den Nationalsozialismus. Im wieder hergerichteten Gotteshaus können Sie die drei (Aus-)Bauphasen ihrer Gemeindezeit gut am Mauerwerk ablesen. Später vorgenommene Tordurchbrüche sowie Stuckfiguren und umlaufende Empore im ersten Stock zeugen von der Nutzung als Lager und Tanzsaal. Im Untergeschoss werden Sie des kostbaren Schatzes gewahr, der nur 100 Meter entfernt von der Synagoge vergraben wurde. Ein ebenso kurzer Weg führt Sie zur Mikwe, die direkt hinter der Krämerbrücke am Geraufer liegt. Durchs Dachfenster können Sie ins jüdische Ritualbad jederzeit einen Blick werfen, es donnerstags im Rahmen einer Besichtung auch betreten. Achten Sie auf die seltsame Plastik eines auf umgedreht eingemauerten Männerkopfes mit Lilienkrone, die Historikern Rätsel aufgibt. Das so genannte Steinerne Haus ergänzt die Ritualbauwerke. Das herausragende Zeugnis spätmittelalterlicher profaner Baukultur lässt sich spätestens seit dem Ende des 13. Jahrhunderts jüdischen Besitzern zuordnen.

  • Auf dem Weg

    Mitte Juni macht das Krämerbrückenfest die Innenstadt zum Magnet, inklusive Mittelaltermarkt, auf dem Sie jüdische Spuren nicht finden werden. Vom Domberg eröffnet sich Ihnen nicht nur ein erhabener Blick aufs turmgekrönte Erfurt. Im Chorgestühl des Doms erwartet Sie ein rares mittelalterliches Schmähmotiv, von dem in Europa nur knapp 50 erhalten sind: eine so genannte „Judensau“. In Form eines Ritters triumphiert das Christentum über den auf einem Schwein reitenden Juden. 2015 feierten die kommunal unterstützten Achava-Festspiele Premiere, die nun jedes Jahr im September stattfinden. Der hebräische Name bedeutet „Freundschaft“.

  • Allgemeinwissen

    • Ende 11. Jahrhundert: Mit dem Bau der Alten Synagoge wird die jüdische Gemeinde historiografisch greifbar, die ihr Wohnviertel zwischen Rathaus, Krämerbrücke und Michaeliskirche hatte.
    • Mitte 13. Jahrhundert: die Existenz der Mikwe wird belegt
    • 1349: Beim Pestpogrom am 21. März wird die jüdische Bevölkerung ausgelöscht.
    • 1345-1454: Jüdisches Leben kehrt in die Stadt zurück, wird jedoch 1453 durch die Aufhebung des Judenschutzes durch den städtischen Rat zum zweiten Mal beendet.
    • 1998: Schatzfund bei Bauarbeiten, Gesamtgewicht: 28 Kg
    • 2009: Die in den frühen 1990ern aufgefundene Alte Synagoge wird nach einer Sanierung zum Museum.
    • 2011: Eröffnung der Mikwe
    • 2014: Aufnahme in die deutsche Vorschlagsliste für Welterbestätten

 

Zitate

Oliver Fern
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