Potenzialstudie zur Industriekultur im Mitteldeutschen Revier veröffentlicht

31. März 2022
Die Studie im Auftrag der Europäischen Metropolregion Mitteldeutschland untersucht den Beitrag der Industriekultur zu Strukturwandel, Tourismus und regionaler Identität und gibt strategische Empfehlungen für stärkere Wahrnehmung und länderübergreifende Zusammenarbeit.

„Das Thema Industriekultur ist die verbindende Klammer zwischen den einzelnen Teilregionen des Mitteldeutschen Reviers, zwischen ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Als solche können von ihr positive Impulse für die Wertschöpfung, den Tourismus und für die regionale Identität ausgehen“, erklärt Annett Kautz, Handlungsfeldmanagerin Kultur und Tourismus bei der Europäischen Metropolregion Mitteldeutschland. „Um diese Potenziale zu realisieren, ist es von zentraler Bedeutung, die Industriekultur aus der rein musealen Retrospektive zu lösen. Unter dem Begriff der „lebendigen Industriekultur“ wollen wir das Thema zu einem zentralen, länderübergreifenden Narrativ für das Selbstverständnis des Mitteldeutschen Reviers als moderne Industrieregion erweitern. Dazu gibt die jetzt vorgelegte Studie wertvolle Anregungen und strategische Empfehlungen, die wir gemeinsam mit den Akteuren aus ganz Mitteldeutschland weiterentwickeln wollen“, so Annett Kautz weiter.

Studie untersucht Vermarktung, Vermittlung und Erforschung von Industriekultur 

Aufbauend auf den bereits 2019 durch die Europäische Metropolregion Mitteldeutschland veröffentlichten Handlungsempfehlungen zur Industriekultur, einer aktuellen Bestandsaufnahme sowie Interviews und Workshops untersuchte die Studie unter anderem die touristische Vermarktung, pädagogische Vermittlung und wissenschaftliche Erforschung des Themas sowie die organisatorischen und strukturellen Voraussetzungen zur Zusammenarbeit der industriekulturellen Akteure in der Region.

So verzeichnet die Studie insgesamt 331 Orten der Industriekultur in den neun Gebietskörperschaften des Mitteldeutschen Reviers, 155 davon in Sachsen, 141 in Sachsen-Anhalt und weitere 10 in Thüringen (Altenburger Land). Darüber hinaus wurden weitere 25 bedeutsame Standorte in den Landkreisen Wittenberg und Mittelsachsen sowie den Städten Dessau-Roßlau und Chemnitz erfasst. 

Industriekultur-Tourismus: Großes Potenzial aber schwach ausgeprägtes Image  

Trotz dieses großen und vielfältigen Bestandes an technischen Denkmälern, Besuchereinrichtungen und anderen Zeugnissen der Industriekultur sei das entsprechende touristische Image noch eher schwach ausgeprägt. Gründe sieht die Studie unter anderem in der stark schwankenden Qualität der touristischen Serviceangebote sowie vorhandenen Defiziten bei der inhaltlichen Präsentation industriekultureller Themen sowie im Bereich der Produktentwicklung. Das Thema Industriekultur stelle darüber hinaus nur selten einen alleinigen Reiseanlass in die Region dar. Deshalb empfiehlt die Studie eine enge Verbindung von industriekulturellen Angeboten mit anderen touristischen Themen wie Kulturreisen, Aktivurlaub und Radtourismus als Vermarktungsstrategie. Weitere Empfehlungen sind unter anderem:

  • Die Förderung von zwei bis drei Industriekultur-Erlebnisräumen in der Region
  • Das Aufsetzen eines bundesländerübergreifenden Industriekultur-Events
  • Die Weiterentwicklung einer bestehenden Route zur zentralen Verbindungsachse für Industriekultureinrichtungen in Mitteldeutschland


Wandel als Leitmotiv der Region und innovative Vermittlungsangebote

Um die Wahrnehmung der Industriekultur und ihrer Potenziale bei Bewohnern und Gästen der Region zu stärken, empfiehlt die Studie die Etablierung einer aktivierenden und motivierenden Leitgeschichte. Unter dem zentralen Motiv „Erneuerung und Transformation“ sollten die innovative Technikgeschichte, die tiefgreifenden Veränderungen der Landschaften sowie die vielfältigen Umbruchserfahrungen der Menschen im Mitteldeutschen Revier zusammengefasst und erzählt werden. Darauf aufbauend werden Maßnahmen für die moderne, zielgruppengerechte Vermittlung industriekultureller Themen empfohlen. Zu diesen gehören unter anderem:

  • Eine zentrale Website/App als Portal in die lebendige Industriekultur der Region, die sowohl Gäste als auch Bevölkerung, Unternehmen und weitere Akteure adressiert
  • Ein Museumspädagogisches Gesamtkonzept und Schulmarketing mit modularem Aufbau
  • Die Entwicklung von Leitveranstaltungen und Events
  • Erzählworkshops und Vor-Ort-Prozesse zur Entwicklung von Teilregionen


Neue Perspektiven für Altindustriestandorte und in der länderübergreifenden Zusammenarbeit

Ebenfalls im Rahmen der Studie wurden am Beispiel von vier konkreten Modellstandorten neue Nutzungsperspektiven für Altindustriebauten untersucht. Dies umfasste u.a. die Definition von verschiedenen Strategietypologien für deren Auswahl und Standortentwicklung sowie die Bewertung der baulichen, planerischen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Weitere Abschnitte der Untersuchung widmeten sich dem Aufbau eines Mitteldeutschen Wirtschaftsarchivs sowie möglichen Organisationsmodellen für die länderübergreifende Zusammenarbeit zum Thema Industriekultur, um vorhandene Steuerungs- und Koordinationsdefizite zu beseitigen und die nötigen strukturellen Voraussetzungen für eine Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen zu schaffen.

Weitere Informationen

Langfassung der Potenzialstudie „Industriekultur in Mitteldeutschland“ (PDF)
Kurzfassung der Potenzialstudie „Industriekultur in Mitteldeutschland“ (PDF)
Handlungsempfehlungen „Industriekultur in Mitteldeutschland“ (PDF)
Projektwebseite „Innovationsregion Mitteldeutschland“

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